Der Hamburg-
paradies-Blog
ist ein Kind vom

Info
Großer Frostspanner | Foto (c) Süpfle, wikimedia

Frostspanner trifft auf Hühnerschnabel

Neue Pläne mit alten Haustierrassen

von Vera Stadie

Kategorien:

Alle reden von Permakultur, keiner weiß Bescheid? Im Grunde sei es nichts anderes als eine Weiterentwicklung der Mischkultur, ein „modifizierter Bauerngarten“, erklärt Eckart Brandt beim Kaffee in Finkenwerder. Er ist von seinem Boomgarden in Helmste angereist, wir mit der Fähre von Teufelsbrück. Das lohnt sich unbedingt – auch am frühen Morgen – denn der Obstbauer hat viel Wissenswertes und jede Menge Döntjes parat. Von der Permakultur ist er angetan, denn durch geschicktes Wasser- und Energiemanagement wird „wenig Raum doppelt und dreifach genutzt“. Man könne Permakultur „nicht einfach in zwei Worten erklären.“ Brandt versteht darunter eine Landwirtschaft, die naturnah gestaltet ist, wobei die Ansprüche der Natur sowie die Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden, ein System von Elementen, das energieeffizientes, nachhaltiges Arbeiten, Leben und Anbauen von Lebensgrundlagen beinhaltet – und keine Monokultur.

Streuobstwiese | Foto (c) Winfried Sixel, pixelio.de

„Unsere Streuobstwiese ist als solche eine Monokultur. Da wir für den Erhalt von Artenvielfalt der Region stehen, soll es nicht so bleiben. Die Streuobstwiese eignet sich sehr gut, um daraus beispielsweise einen Waldgarten zu machen. Streuobstwiesen sind vor Jahrhunderten auch nie als Monokultur betrieben worden, da die Landwirte in erster Linie Selbstversorger waren und in der Ebene unter den Bäumen Sträucher in allen Formen von Beerenobst anbauten. Auch Rhabarber und Erdbeeren sowie Kräuter eignen sich als Unterkultur hervorragend.“ So trage man Sorge um die Erde, Sorge um die Menschen, die Landschaft werde wiederbelebt und die Natur kann sich entfalten. Wenn dabei noch auf die Blütezeiten der einzelnen Pflanzen geachtet wird, kann für die Insekten das Gartenjahr hindurch gesorgt werden. Der Ex-Historiker freut sich schon auf die Tagfalter auf den Kornraden. Dieses sogenannte „Ackerunkraut“ hat anderswo kaum eine Chance, in Helmste schon. So eine Begegnung mit Schmetterling an Kornrade nennt Brandt „trostreich“. Auch das sei ein Prinzip der Permakultur: Beobachte und handle – Schönheit liegt im Auge des Betrachters.

Großer Frostspanner | Foto (c) Sanja565658, wikimedia

Nutze erneuerbare Ressourcen und Leistungen, geh mit dem Lauf der Natur, so lautet ein weiteres Permakultur-Prinzip. Erneuerbare Ressourcen seien nicht nur die Sonnenkollektoren auf dem Dach, sondern auch „die Hühner, die mit wenig Aufwand unseren Acker bearbeiten, so dass wir keinen Trecker und Fräse einsetzen müssen.“ Womit wir bei den Hühnern wären. „Großer Frostspanner trifft auf Hühnerschnabel“. Das ist ein Szenario, von dem der Obstbauer träumt. Frostspanner gehören zu den Schmetterlingen. Die Falter schlüpfen im Herbst, oft erst nach dem ersten Frost in Obstplantagen und Parks aus den Puppen. Die Weibchen klettern mit ihren sechs kräftigen Beinen vom Boden aus die Stämme der Wirtsbäume hinauf, wo die Paarung erfolgt. Die überwinternden Eier werden in Rindenritzen abgelegt. Die Larven schlüpfen jetzt im Frühjahr zur Zeit des Blattaustriebes und können an ihren Wirtsbäumen erheblichen Schaden verursachen. Mitunter lassen sie nur die stärkeren Blattrippen und Stiele übrig. Vereinzelt kommt es zu Kahlfraß an einem gesamten Baum. Während sich die Raupen des Frostspanners jetzt im Frühling frisches Grün jagen, hat sich Brandt auf die Jagd nach Informationen begeben und ist auf ein Buch über Obstbau und Hühner aus dem 19. Jahrhundert gestoßen. Er erinnert an den Ursprung unserer Haushühner: „Schon vor Columbus haben die Seefahrer sie aus den Wäldern Südostasiens mitgebracht.“ Die Vögel leben also von Natur aus gerne unter Bäumen ... Jetzt spinnt Brandt also Pläne – um den Frostspinnern auf den Leib zu rücken und seine alten Obstsorten durch gefährdete Hühnerrassen zu ergänzen.

Ramelsloher | Foto (c) Scribio, wikimedia

Fündig wird er bei der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (www.g-e-h.de). Dort gibt es unter anderen die Ramelsloher, große, kräftige Landhühner aus dem Raum Hamburg. Sie sind 1870 in Ramelsloh erzüchtet worden. Der Ort führt heute noch den blaubeinigen weißen Hahn in seinem Ortswappen. Als Grundlage der sogenannten Erzüchtung des Ramelsloher Huhnes dienten die alten, robusten „Vierländer Landhühner“, in die Spanier, Andalusier und Cochin eingekreuzt wurden. „Ramelsloher stehen mittelhoch, Hähne etwas höher“, erfährt man auf der Website der Gesellschaft, die sich für Schutz durch Nutzung einsetzt. „Charakteristisch sind die schieferblaue Lauffarbe und die weißen Zehnägel. Die intensive Blautönung von Läufen und Schnabel sind ein Rassekennzeichen, dass sich bei der Henne bis in das Kammblatt und in die Gesichtshaut fortsetzen kann. Auffallend sind bei Hahn und Henne die tief dunklen, nahezu schwarzen Augen mit schwarzem Lidring, die so bei keiner anderen Rasse zu finden sind. Sie treten in einem weißen und einem gelben Farbschlag auf, wobei der Schnabel und die Beine blau gefärbt sind. Bei guter Wetterhärte sind Ramelsloher anspruchslos und bei Auslauf fleißige Futtersucher.“ Das lässt hoffen – wenn da nicht das besondere Wesen wäre… „Ramelsloher sind vom Wesen lebhaft und werden dem Halter gegenüber sehr zutraulich. Die temperamentvollen Tiere neigen in der Jugendentwicklung zum Fliegen, wie dies bei allen alten deutschen Rassen typisch ist.“ Das Ramelsloher Huhn ist Eckart Brandt daher „zu flatterhaft“. Vielleicht entscheidet er sich für Araukaner? Die legen grüne Eier – die Farbe sei voll im Trend. Als er das erzählt, amüsiert er sich einmal mehr über die Lebensmittelmode: „Rote Äpfel und grüne Eier“.

Im September kann man beim Tag der offenen Tür und bei Hofführungen mal nachschauen, wer denn im Boomgarden unter den Obstbäumen scharrt und pickt: Hofführungen am 17. und 18. September, Tag der offenen Tür am 18. September. Nähere Informationen unter www.boomgarden.de.

Zurück

Einen Kommentar schreiben

(beginnend mit http://, optional)