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Carlo Petrini | Foto (c) Bruno Cordioli – br1dotcom

Immer mit der Ruhe

Von Pflanzen lernen

von Vera Stadie

Carlo Petrini würde wohl eher „piano, piano“ sagen. Als Gründer und Präsident von Slow Food zählt ihn der Guardian zu den „Menschen, die die Welt verändern können“. Nicht nur ihn interessiert das Thema Langsamkeit, auch den Pflanzenforscher Stefano Mancuso. Im vor Kurzem auf deutsch veröffentlichten Gespräch der beiden sagt der Biologe: „Die Pflanzen in ihrem Verhalten werden ja allgemein ...wenig geachtet…, weil sie in anderen Zeiträumen agieren als wir. Sie sind normalerweise erheblich langsamer. Und heute gilt Schnelligkeit als entscheidender Faktor. Ich kann darin keinen Wert erkennen.“ Petrini fordert, das Recht der Pflanzen auf einen Ort, wo sie wild wachsen können, in die Charta der Grundrechte aufzunehmen und Mancuso ergänzt: „Pflanzen brauchen in den Städten endlich ein Umfeld, in dem sie wild wachsen können. Davon würden alle profitieren.“

Beiden geht es darum, statt immenser Vergeudung von Lebensmitteln, statt der immer neuen Künstlichkeiten der Star-Gastronomie, statt der zerstörerischen industriellen Landwirtschaft mit ihren lebensfeindlichen Monokulturen, „auf dem Boden zu bleiben“. Petrini spricht von seiner Heimat, von der Umweltkatastrophe, vor der die Italiener stehen, „weil unsere Böden verarmen und wir die Landwirtschaft verlieren, den Grundpfeiler, der den hydrogeologischen Reichtum unserer Hügel geschützt hat – denn die Bauern haben dafür gesorgt, dass die Hügel nicht abrutschen. Unter dieser Katastrophe leidet auch ein Wert, den wir bedauerlicherweise nicht hoch genug schätzen, obwohl er so charakteristisch für Italien ist: Die Schönheit unserer Landschaft.“ Und Mancuso erinnert sich an ein Buch von Luigi Einaudi: „Der piemontesische Bauer führt seinen Hof so, dass er immer schön ist.“

Die beiden wünschen sich eine neue Kultur des Essens. „In Wahrheit ist es doch so, dass sich in der Geschichte der Menschheit alles immer um das Essen gedreht hat, von Anfang an“, sagt Petrini. Und Mancuso zitiert Wendell Berry, den Propheten des ländlichen Amerika („Essen ist ein landwirtschaftlicher Akt“) und Michael Pollan, der ergänzt, Essen sei auch ein ökologischer und politischer Akt und dass das, was wir essen, in weiten Teilen bestimmt, wie wir die Erde nutzen und was aus ihr wird. In seinem Aufsatz „Die Gastronomie – Genuss im Dienste der Veränderung“ schreibt Petrini über einen Ansatz, der auf dem Gedanken der biologischen Vielfalt gründet und „sich heute höchstens noch in armen und angeblich rückständigen Mikroökonomien wiederfindet. Die biologische Vielfalt entpuppt sich hier einmal mehr als ein überraschender Reichtum, der die Welt verändern kann – wenn man die Vielfalt nur richtig interpretiert und klug nutzt: Im Einklang mit der natürlichen Umgebung und im Bewusstsein ihrer Endlichkeit.“ Es sei an der Zeit zu begreifen, so Petrini, dass unserer täglichen Nahrung die Macht zur Veränderung innewohnt. Wenn wir ihr die Wertschätzung entgegenbringen würden, die ihr eigentlich zukommt, würden die Zeit, die wir auf diesem Planeten verbringen und die Beziehungen zu unseren Mitlebewesen und zur Erde selbst einen neuen Sinn erhalten. Da hat der Slow Food-Gründer Mitstreiterinnen im Norden: Katharina Henne und Lore Otto verstehen Hamburgs Wilde Küche (mehr ...) im Grunde als Rezept für mehr Nachhaltigkeit im Alltag, für genussvolle Genügsamkeit.

Weiterführend:

Carlo Petrini: Cibo e libertà. Slow food: Storie di gastronomia per la liberazione (Essen und Freiheit. Slow Food: Geschichten einer Gastronomie der Freiheit, bisher nicht auf Deutsch

Stefano Marcuso: Die Intelligenz der Pflanzen

Stefano Mancuso, Carlo Petrini: Die Wurzeln des guten Geschmacks – Warum Köche und Bauern sich verbünden müssen

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