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Jeder isst

Politik geht durch den Magen

von Vera Stadie

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In den Beeten sprießen die Stauden, in den Städten die Ernährungsräte. Menschen rotten sich zusammen und reden übers Essen. Nein, kein kulinarisches Event! Es geht ums Ganze. Chicago und Detroit haben schon lange ein Food Policy Council, hierzulande streiten sich Kölner und Berliner darüber, wer angefangen hat. Der Ernährungsrat Berlin (www.ernaehrungsratschlag.de) wurde offiziell am 22. April gegründet. Das Bündnis von Verbraucher*innen, bäuerlichen Erzeuger*innen, Lebensmittelretter*innen und Vertreter*innen von Lebensmittelwirtschaft, Gastronomie, Wissenschaft und Bildungseinrichtungen tritt an für eine zukunftsfähige Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik in der Region, für einen Wandel: „Wie Lebensmittel hierzulande hergestellt und konsumiert werden, ist weder nachhaltig noch gerecht“, schreiben sie. „Wir produzieren im Übermaß, werfen zu viel weg und nehmen die weltweite Ausbeutung von Menschen und Natur für unseren verschwenderischen Konsumstil wie selbstverständlich in Kauf.“ Der neu gegründete Ernährungsrat hat sich vorgenommen, die Agrar- und Lebensmittelproduktion wieder zu demokratisieren, das Menschenrecht auf Nahrung, die Stärkung lokaler Märkte, faire Preisbildung, existenzsichernde Einkommen und den gemeinschaftlichen Erhalt natürlicher Ressourcen zu verwirklichen, kurz gefasst heißt die Vision „Ernährungssouveränität“. Mitgründer Udo Tremmel gehört zum Kreis der Sprecher*innen. Er ist seit mehreren Jahren bei Slow Food aktiv, organisiert regelmäßig den Berliner Naschmarkt und das Stadthonig-Fest im Prinzessinnengarten mit. Der Soziologe macht beruflich beruflich Medienarbeit in den Bereichen Lebensmittel, Kultur und politische Bildung und setzt auf „möglichst große Veranstaltungen“.

(c) Heike Breitenfeld

Die Gründung in Berlin erfolgte mit knapp 200 Personen. Auch die Gegenseite operiert im Umfeld der Hauptstadt in großem Stil. Tremmel berichtet von internationalem „Farm Grabbing“ in Brandenburg. „Unsere Ansprechpartner sitzen jetzt in Shanghai“. Derweil würden die Jungbauern im Berliner Umland an den Türen klingeln und ältere Landwirte um ihre LPG-Anteile bitten. Und aus einem Treffen bei der Gewerkschaftern aus der Lebensmittelproduktion weiß der Soziologe, dass an deren häuslichen Esstischen das Thema Ernährung über alle Generationengrenzen hinweg angekommen ist. Währenddessen andere Berliner in ihrem „schon fast obszönen Food-Hype“ zu zehntausenden auf dem Streetfood-Markt essen würden „als gebe es kein Morgen.“ Auch die Medien kritisiert Tremmel: „Der Gastro-Redaktion ist das Thema zu politisch, der Politikredaktion zu unpolitisch.“ So sitzen die engagierten Esser zwischen allen Stühlen. Noch – Tremmel weist darauf hin, dass Berlin „die größte Nachfrage nach Bioprodukten in Europa“ erzeuge. Dieser riesige Bedarf an ökologisch erzeugten Lebensmitteln werde bisher eher nicht aus der Region gedeckt. Wie Philipp Stierand (www.speiseraeume.de) ist Tremmel der Auffassung: „Die Ernährungswende beginnt in der Stadt!“

Dokumentarfilmer Valentin Thurn („10 Milliarden“) ist Initiator des Vereins Taste of Heimat (www.tasteofheimat.de): „Das Thema Ernährung ist der Dreh- und Angelpunkt zu einer besseren Welt und fängt vor der eigenen Haustür an.“ Deshalb will der Verein Bauern und Verbraucher zusammenbringen. „Wir wollen die Verbraucher näher an die Lebensmittelproduktion bringen, um größere Wertschätzung zu erreichen.“ Der Ernährungsrat für Köln und Umgebung (www.ernährungsrat-köln.de) wurde am 7. März als Projekt dieses Vereins gegründet. Er besteht zu je einem Drittel aus Vertretern der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und der städtischen Verwaltung. „Durch die Internationalisierung des Lebensmittelmarktes werden Entscheidungen über unser Essen immer weiter weg gefällt“, schreiben auch die Kölner. „Was in Köln gegessen wird, wird oft aus großer Entfernung zu uns transportiert.“ Sie wollen sozusagen den Kappes (Kohl) nach Kölle, die Ernährungspolitik in die Region holen. Dafür stürzt sich der Ernährungsrat auf die Direktvermarktung, die Lebensmittelproduktion in der Stadt und die Schulen.

Auch den Hamburgern rumort der Magen. Das stadtweite Netzwerk der Urban-Gardening-Initiativen Hamburg lud alle, „die unsere Ernährungspolitik und unsere Esskultur zukunftsfähiger gestalten wollen“, zu einem Vernetzungstreffen am 23.04. ein. Idee war die Gründung eines Ernährungsrates, „einer Tischrunde des guten Essens, um unserer Stadt die Ernährungswende schmackhaft zu machen.“ Bei diesem Treffen widerlegte Philosoph und Gastrosoph Harald Lemke die weitverbreitete Auffassung, Essen sei Privatsache. „Unser Essen ist durch und durch politisch“. Die hiesigen Ernährungsgewohnheiten hätten „Krisen der Umwelt, der Wirtschaft, der Politik, der Körper, der kulinarischen Alltagspraxis und des Lebensstils“ hervorgebracht, insofern sei Essen die „Zukunftsfrage der Menschheit“. Dem noch zu gründenden Hamburger Ernährungsrat schreibt er die Themen gesunde Ernährung, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, Verbraucherschutz und Ernährungsbildung auf die Fahnen. Dem Genuss ist Lemke dabei nicht abgeneigt und zitiert Kant: „Anfang und Wurzel alles Guten ist die Freude des Magens.“ Seine knapp 20 Zuhörer in der Hamburger Werkstatt 3 zeigten die ganze Bandbreite des Themas Essen und Ernährung: Eine Künstlerin, die „Klimakochrezepte“ gestaltet, eine Vertreterin der Gemeinwohl Ökonomie Hamburg, ein Anhänger der „Essbaren Stadt“ aus Wilhelmsburg, Vertreterinnen des Kultur- und Energiebunkers Altona, Foodsharing-Botschafter*innen, eine Abgesandte des Interkulturellen Gartens, der Vorstand der Regionalwert AG Hamburg, eine Aktivistin, eine Vertreterin des Ökomarktvereins, mehrere Gärtnerinnen. Wer sich anschließen möchte, ist herzlich willkommen beim nächsten Treffen am 21. Mai. Veranstaltungsort und -zeit werden noch bekannt gegeben. Und wer schon vorher mit nachhaltiger und regionaler Ernährung anfangen möchte, schlägt in Hamburgs Wilde Küche nach (mehr dazu hier).

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